Von der Friedlichen Revolution zur deutschen Einheit

Scheinstabilität

Scheinstabilität in der DDR Bild vergrößern Staats- und Parteichef der DDR, Erich Honecker (© dpa/ picture-alliance)

Bonn, 7. September 1987. Der Staats- und Parteichef der DDR, Erich Honecker, wird mit fast allen protokollarischen Ehren von Bundeskanzler Helmut Kohl empfangen. Einen Moment wirkt das SED-Regime in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) gefestigter denn je. Doch während Ost-Berlin demonstrativ auf Abgrenzung setzt und mit neuer Vehemenz die staatliche Anerkennung durch die Bundesrepublik fordert, weht von Moskau ein anderer Wind. Perestroika (Umgestaltung) und Glasnost (Transparenz) lauten die Schlagworte, die den Versuch Michail Gorbatschows begleiten, das marode Riesenreich zu reformieren und an den Westen anzunähern. Zugleich räumt Moskau seinen Verbündeten Schritt für Schritt mehr Selbständigkeit ein. Polen und Ungarn werden zu Vorreitern des Reformprozesses. Die Führung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) verweigert sich dem neuen Kurs. Früher wollte man in Ost-Berlin von der Sowjetunion „siegen lernen“. Jetzt werden plötzlich sowjetische Filme und die sowjetische Zeitschrift „Sputnik“ in der DDR verboten, weil sie sich kritisch mit dem Stalinismus auseinandersetzen. Die DDR gerät im eigenen Lager zunehmend in die Isolation. Selbst SED-Mitglieder beginnen immer mehr an ihrer Führung zu zweifeln. Die zeigt sich starrsinnig: Die Mauer werde noch 50 oder 100 Jahre stehen, erklärt Honecker Anfang 1989.

Unzufriedenheit

Unzufriedenheit Bild vergrößern Eine Alltagsbeschäftigung in der DDR ist das Schlange stehen (© dpa/ picture-alliance)

In den 1980er Jahren wird die ökonomische Misere der DDR unübersehbar. Die Industrie läuft auf Verschleiß. Die Umwelt ist verschmutzt. Gelbe Luft gehört vielerorts genauso zum Alltag wie graue Wäsche auf der Leine. Grau sind auch die verfallenden Altstädte. An den Stadträndern wachsen derweil eilig errichtete Plattenbausiedlungen. Die ineffiziente Planwirtschaft ist gleichermaßen von billigem sowjetischem Erdöl wie zunehmend von westlichen Krediten abhängig. Die seit 1961 eingemauerte DDR-Gesellschaft spaltet die Menschen in jene, die über Privilegien oder westdeutsches Geld verfügen und jene, die sich in immer längere Schlangen vor immer leereren Geschäften einreihen müssen. Das Leben in der DDR ist überwacht, reglementiert und weithin vom Parteistaat vorbestimmt. Die Unzufriedenheit wächst. Jeden Abend reisen die DDR-Bürger mit dem bundesdeutschen Fernsehen für einige Stunden in den Westen aus. Im Alltag wird Loyalität inszeniert, werden Häuser beflaggt, Kundgebungen besucht und Mitgliedsbeiträge für Massenorganisationen und Parteien entrichtet. „Ihr tut so, als ob Ihr uns folgt, und wir tun so, als ob wir Euch glauben“, scheint die Devise der Obrigkeit zu lauten.

Wahlbetrug

Wahlbetrug Bild vergrößern Sonntag, 7. Mai 1989. Kommunalwahlen in der DDR. (© dpa/ picture-alliance)

Sonntag, 7. Mai 1989. Kommunalwahlen in der DDR. Der Urnengang soll die Zustimmung der Bevölkerung zur SED-Politik vorspiegeln. Doch die Inszenierung wird zum Wahlkrimi, der nur im Westfernsehen zu sehen ist: Vor laufender Kamera weisen junge Frauen und Männer dem SED-Staat Wahlfälschung nach und berichten, dass Bürgerrechtler DDR-weit in vielen hundert Wahllokalen die Auszählung überwacht haben. Viele Ostdeutsche erfahren erst jetzt von dem zunehmend dichteren Netz von Friedens-, Menschenrechts-, Umwelt- und Dritte-Welt-Gruppen, das häufig unter dem schützenden Dach der Kirche seit den 1980er Jahren den politischen Vormachtanspruch der SED in Frage stellt. Einige ihrer Aktionen hatten bereits in der Vergangenheit Aufmerksamkeit erregt. Doch jetzt demonstriert die DDR-Opposition nicht nur die Fähigkeit zum gemeinsamen Vorgehen, sondern beweist zudem die Verlogenheit der Partei- und Staatsführung. Die weist alle Vorwürfe zurück und muss zunehmend hilfloser erleben, wie Bürgerrechtler nicht nur mit einer Flut von Eingaben und Strafanzeigen, sondern mit öffentlichen Protesten auf die Wahlfälschung reagieren. Am 4. Juni 1989 empört das Massaker auf dem „Platz des Himmlischen Friedens“ in Peking viele DDR-Bürger. Zahlreiche Menschen schließen sich den Protesten an. In Ost-Berlin, der DDR-Hauptstadt, wird ab Juni an jedem 7. eines Monats demonstriert.

Abschied

Abschied Bild vergrößern Ende September warten 6.000 DDR-Bürger in der Prager Botschaft auf ihre Ausreise. (© dpa / picture-alliance)

Während zunächst noch eine Minderheit ihren Protest in die Öffentlichkeit trägt, haben viele andere die Hoffnung auf Reformen in der DDR aufgegeben. 1989 warten mehr als 100.000 DDR-Bürger auf die Genehmigung ihrer Ausreiseanträge in die Bundesrepublik. Vom Beispiel der Bürgerrechtler ermutigt, beginnen auch sie die Öffentlichkeit zu suchen. In Leipzig wird die Nikolaikirche zu ihrer Anlaufstelle. Noch am 6. Februar 1989 wird der 20-jährige Chris Gueffroy bei einem Fluchtversuch über die Berliner Mauer erschossen. Im Sommer beginnt Ungarn den Stacheldrahtverhau nach Österreich zu beseitigen. Erst sind es Hunderte, im August rund 3.000 DDR-Urlauber, die ihren Weg in den Westen finden. Viele Tausend warten in Ungarn auf eine passende Gelegenheit zur Flucht. Als Ungarn am 11. September die Grenze für DDR-Bürger öffnet, reisen binnen drei Tagen 15.000 Ostdeutsche über Österreich in die Bundesrepublik. Tausende DDR-Bürger suchen im Sommer Zuflucht in den westdeutschen Vertretungen in Prag, Budapest, Warschau und Ost-Berlin. Ende September warten 6.000 DDR-Bürger in der Prager Botschaft auf ihre Ausreise. In der Ost-Berliner Führung herrscht Ratlosigkeit. „Man sollte ihnen keine Träne nachweinen“, lässt Staats- und Parteichef Honecker in der SED-Parteizeitung „Neues Deutschland“ schließlich zynisch kommentieren.

Aufbruch

Aufbruch Bild vergrößern Leipziger Montagsdemonstrationen (© Presse- und Informationsamt der Bundesregierung )

Als die DDR im Rahmen der größten Fluchtbewegung seit dem Mauerbau auszubluten droht und das SED-Regime seine Reformunfähigkeit demonstriert, schlägt die Stunde der Bürgerbewegung. Sie verzeichnet immer stärkeren Zulauf. Bereits im Juli erfolgt der Aufruf zur Gründung einer Sozialdemokratischen Partei. „Aufbruch 89“ ist eine Resolution überschrieben, mit der das „Neue Forum“ im September aus der Taufe gehoben wird. „Demokratie Jetzt“, „Demokratischer Aufbruch“ lauten die Bezeichnungen anderer Gruppen, die allesamt die Öffentlichkeit suchen und eine politische Alternative zur SED formulieren. In dieser Situation wächst den Westmedien und ihren DDR-Korrespondenten enorme Bedeutung zu, da sie der Opposition im Osten wie im Westen Deutschlands Gehör verschaffen. Am 4. September beginnen die Leipziger Montagsdemonstrationen, als 1.000 Bürgerrechtler und Ausreisewillige nach dem Friedensgebet vor der Kirche „Für ein offenes Land mit freien Menschen“ demonstrieren. Eine Woche später nimmt die Volkspolizei 89 Demonstranten fest. 19 werden zu Haftstrafen verurteilt. In landesweiten Fürbittgottesdiensten solidarisieren sich die Menschen mit den Gefangenen. Die Empörung wächst. An immer mehr Orten finden Demonstrationen statt. Aus dem Ruf der Ausreisewilligen „Wir wollen raus!“ wird ein trotziges „Wir bleiben hier!“.

Selbstbetrug

Selbstbetrug Bild vergrößern Die Partei- und Staatsführung inszeniert den 40. Jahrestag der DDR-Gründung (© dpa / picture-alliance)

Von den Entwicklungen im Lande scheinbar unbeeindruckt, bereitet die Partei- und Staatsführung den 40. Jahrestag der DDR-Gründung am 7. Oktober vor. Nichts soll die Feierlichkeiten stören, schon gar keine Bilder von den überfüllten bundesdeutschen Botschaften in Warschau und Prag. Und so stimmt die DDR-Führung Ende September der Ausreise der 6.000 Botschaftsbesetzer aus Prag unter der Bedingung zu, dass diese mit Sonderzügen über das Territorium der DDR erfolgt. Die Demonstration staatlicher Souveränität gerät zum Desaster. Am 4. Oktober kommt es in Dresden zu gewalttätigen Auseinandersetzungen mit der Polizei, als sich 3.000 Dresdner auf dem Hauptbahnhof Zutritt zu den Zügen verschaffen wollen. Die Unruhen halten über Tage an. Am 7. Oktober inszeniert das SED-Regime mit Massenaufmärschen, Militärparaden und einem Festakt im Palast der Republik schließlich ein gespenstisches Schauspiel der Stärke. Und selbst an diesem Tag gelingt es nicht, die Proteste in der DDR zu unterbinden. In Ost-Berlin kommt es zu Knüppelorgien der Volkspolizei gegen tausende friedliche Demonstranten, während sich im Palast der Republik kommunistische Staats- und Parteiführer aus der ganzen Welt eingefunden haben, darunter auch Michail Gorbatschow aus der Sowjetunion. Der hatte bei seiner Ankunft in Berlin seinen Genossen ins Stammbuch geschrieben: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!“

Entscheidung

Entscheidungen Bild vergrößern Seit 4. September 1989 wird in Leipzig jeden Montagabend demonstriert. Die Polizei reagiert mit massiver Präsenz und großer Härte. (© dpa/ picture-alliance)

Am Montag nach den Staatsfeierlichkeiten herrscht in Leipzig schier unerträgliche Anspannung. Woche für Woche war die Zahl der Montagsdemonstranten gestiegen. Würde die SED nach den Feierlichkeiten gewaltsam gegen die Demonstranten einschreiten? Am Stadtrand gehen Militärfahrzeuge in Stellung. In Schulen und Betrieben wird davor gewarnt, am Abend ins Stadtzentrum zu gehen. In Krankenhäusern wird Blutplasma bereitgestellt, Ärzte werden zur Bereitschaft gerufen. Um 17 Uhr schließen in Leipzigs Innenstadt die Geschäfte. Trotz aller Drohgebärden versammeln sich in den Abendstunden 70.000 Frauen und Männer in den Straßen um die Nikolaikirche und auf dem Karl-Marx-Platz; mehr als alle, die Einsatzkräfte eingeschlossen, erwartet haben. Dann macht sich der Zug der Zehntausenden auf, um den Innenstadtring erstmals voll zu umrunden. „Wir sind das Volk!“ und „Keine Gewalt!“ sind die Losungen, die durch Leipzigs Innenstadt hallen. Um 18:25 Uhr befiehlt der Chef der Volkspolizei den Rückzug seiner bewaffneten Einheiten, nachdem weder die Ost-Berliner Führung noch die örtliche SED-Spitze den Befehl zum Einsatz gewagt hatten. Die Bilder der 70.000 namenlosen Helden, die ihre Angst überwanden, werden noch in derselben Nacht von den Tagesthemen in die Wohnzimmer in ganz Deutschland übertragen. In der DDR ist Friedliche Revolution.

Wendungen

Wendungen Bild vergrößern Nach dem Sturz Erich Honeckers rückt Egon Krenz in dessen Ämter auf. (© dpa/ picture-alliance)

Neun Tage mit immer neuen Demonstrationen im ganzen Land, in Plauen, Dresden, Karl-Marx-Stadt, Halle und in vielen kleinen Orten, verstreichen, bis die SED-Führung sichtbare Konsequenzen zieht. Am 18. Oktober tritt Staats- und Parteichef Erich Honecker von allen Ämtern zurück. Sein Nachfolger wird Egon Krenz. Der hatte erst zwei Tage zuvor den Mut gefunden, mit anderen Politbüromitgliedern die Absetzung Honeckers zu verabreden. Um den Segen Moskaus gebeten, wünscht Gorbatschow „viel Glück“ und erklärt die Sache zur alleinigen Angelegenheit der Sozialistischen Einheitspartei (SED). In seiner ersten Fernsehansprache als Parteichef verkündet Krenz eine politische „Wende“. Dialog und Reformen sollen die SED-Herrschaft retten. Doch die Menschen misstrauen dem langjährigen Kronprinzen Honeckers, der im Sommer das Massaker in Peking gerechtfertigt hatte. Die Staats- und Parteiführung übt sich in hektischen Reformversuchen. Die DDR-Wirtschaft steht vor der Zahlungsunfähigkeit. Westdeutsche Finanzhilfen stehen unter dem Vorbehalt weiterer politischer Reformen. Der Druck der Straße steigt unentwegt. Am 4. November demonstrieren über 500.000 Menschen auf dem Ost-Berliner Alexanderplatz. Am 7. November tritt die Regierung, tags darauf das gesamte SED-Politbüro zurück. Der erste Entwurf eines neuen Reisegesetzes sieht so viele Ausnahmen vor, dass in Leipzig eine halbe Million Menschen auf die Straße gehen.

Mauerfall

Mauerfall Bild vergrößern Die Berliner Mauer, das Symbol der Teilung, ist gefallen. (© Presse- und Informationsamt der Bundesregierung )

Donnerstag, 9. November 1989, 20 Uhr. Die Erkennungsmelodie der Fernsehnachrichtensendung Tagesschau ruft die Menschen in Deutschland vor den Bildschirm. „DDR öffnet Grenze“ lautet die Top-Meldung. Zu sehen ist Günter Schabowski, wie er am Abend auf einer SED-Pressekonferenz eine neue Reiseregelung ankündigt, die Westreisen „ohne Vorliegen von Voraussetzungen“ erlauben soll. Und zwar „ab sofort“, wie das SED-Politbüromitglied auf Nachfrage antwortet. Die „Mauer soll über Nacht durchlässig werden“, kommentiert die Tagesschau. Und überall in Ost-Berlin ziehen sich Frauen und Männer ihre Jacken und Mäntel an, um sich zögernd und ungläubig auf den Weg zu einem Grenzübergang zu machen. Am Kontrollpunkt Bornholmer Straße stauen sich erst mehrere Hundert, gegen 23 Uhr fast 20.000 Menschen. „Tor auf! Tor auf!“ und „Wir kommen wieder, wir kommen wieder!“ skandiert die Menge. Eine halbe Stunde später kapitulieren die Grenzkontrolleure vor dem Druck der Menschen. Der Schlagbaum hebt sich. Bald darauf sind die Dämme auch an anderen Grenzkontrollpunkten Berlins sowie an der innerdeutschen Grenze gebrochen. Am Grenzübergang Invalidenstraße erzwingen Tausende West-Berliner die Grenzöffnung. In Berlin liegen sich die Menschen lachend und weinend vor Glück in den Armen. Die Berliner Mauer, das Symbol der Teilung, ist gefallen.

Perspektiven

Perspektiven Bild vergrößern „Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört“ kommentiert Willy Brandt am Tag nach dem Mauerfall. (© Presse- und Informationsamt der Bundesregierung)

Mit dem Mauerfall rückt die deutsche Frage unverhofft auf die Tagesordnung der Weltpolitik. „Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört“ kommentiert Willy Brandt am Tag nach dem Mauerfall. Am 28. November verkündet Bundeskanzler Helmut Kohl ein „10-Punkte-Programm“. Es sieht die Wiederherstellung der deutschen Einheit auf dem Wege einer Föderation vor; in einem Zeitraum von fünf und mehr Jahren. Polen sorgt sich um die Gültigkeit seiner Westgrenze. Großbritannien und Frankreich sehen eine neue Großmacht Deutschland am Horizont. Die Sowjetunion fürchtet um die Früchte des entbehrungsreichen Krieges gegen das nationalsozialistische Deutschland. Allein aus Washington kommt Ermutigung. Im Osten wie im Westen Deutschlands stößt die Perspektive einer baldigen Wiedervereinigung vor allem bei Intellektuellen auf Ablehnung. „Für unser Land“ lautet ein Aufruf, ebenfalls am 28. November veröffentlicht, der dazu auffordert, in der DDR „eine sozialistische Alternative zur Bundesrepublik“ zu entwickeln. Doch die Menschen in der DDR wollen keine Experimente mehr. Auf den Demonstrationen wird aus „Wir sind das Volk!“ „Wir sind ein Volk!“. Als Bundeskanzler Kohl am 19. Dezember gemeinsam mit Hans Modrow, seit November DDR-Ministerpräsident, Dresden besucht, spricht er vor Zehntausenden Menschen und einem Meer deutscher Fahnen.

Übergang

Übergang Bild vergrößern Die Bürgerrechtler werden zum Motor der Selbstdemokratisierung der DDR (© dpa/ picture-alliance)

Die Maueröffnung beschleunigt den Machtzerfall der SED. Parteifunktionäre treten reihenweise zurück, Hunderttausende aus der SED aus. Die bislang von der SED kontrollierten Parteien, allen voran CDU und LDPD, üben sich in Unabhängigkeit. Am 1. Dezember wird der SED-Führungsanspruch aus der DDR-Verfassung gestrichen. Am 8./9. Dezember nennt sich die SED in „Partei des Demokratischen Sozialismus“ um und versucht zu retten, was noch zu retten ist. Die ökonomische Situation und die Versorgungslage spitzen sich zu. Noch stehen 380.000 sowjetische Soldaten im Land, noch sitzen SED-Mitglieder an den Schaltstellen des Staatsapparates und der „bewaffneten Organe“. Die Macht liegt auf der Straße. Schritt für Schritt versuchen die Bürgerrechtler, die Kontrolle zu übernehmen. Am 22. November setzt die Opposition die Einrichtung eines zentralen „Runden Tisches“ in Ost-Berlin durch, an dem Vertreter der alten und neuen politischen Kräfte Platz nehmen. Zentrale Anliegen der Opposition: freie Wahlen, eine demokratische Verfassung und die Auflösung des Geheimdienstes. Bis zum Jahresende kontrollieren vielerorts „Runde Tische“ das Geschäft der Machtapparate und Verwaltungen. Am 5. Februar 1990 treten acht Vertreter der außerparlamentarischen Opposition als Minister ohne Geschäftsbereich in die Regierung Modrow ein.

Entmachtet

Entmachtung Bild vergrößern Mit der Zerschlagung der Staatssicherheit öffnen sich die geheimen Archive (© dpa/ picture-alliance)

Mit der Besetzung des einstigen Dienstsitzes Erich Mielkes in der Ost-Berliner Normannenstraße endet am 15. Januar 1990 für alle sichtbar die Macht des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). Binnen weniger Wochen war das „Schild und Schwert der Partei“ stumpf geworden. Noch im Oktober 1989 hat es 90.000 hauptamtliche Geheimdienstmitarbeiter und rund 174.000 inoffizielle Mitarbeiter, d. h. Spitzel, gezählt. Am 13. November büßt es erheblich an Autorität ein, als ein verwirrter Stasi-Chef Erich Mielke vor der Volkskammer erklärt: „Ich liebe doch alle“. Die Regierung Modrow will das MfS als Amt für Nationale Sicherheit (AfNS) in die Zukunft retten. Anfang Dezember häufen sich die Meldungen, das AfNS, auch in Anlehnung an die „Stasi“ „Nasi“ genannt, vernichte massenhaft belastende Akten. Bürgerrechtler besetzen am 4. Dezember in Erfurt und bald auch in den anderen Bezirkshauptstädten die Geheimdienstzentralen. Der Aufruf der MfS-Bezirksverwaltung Gera vom 9. Dezember, die Besetzungen der Dienststellen nicht hinzunehmen, findet keinen Widerhall. Am 11. Januar gibt Hans Modrow dem Druck des „Runden Tisches“ nach und erklärt seinen Verzicht, die Arbeit der Stasi unter neuem Namen fortzusetzen. Die Bürger haben die Macht der Stasi überwunden und sich zugleich ihrer Akten bemächtigt. Deren Öffnung ist für die Aufarbeitung der SED-Diktatur unerlässlich.

Triumph

Triumph Bild vergrößern Mit der Volkskammerwahl am 18. März siegt die Friedliche Revolution in der DDR (© Presse- und Informationsamt der Bundesregierung )

Als am Sonntag, dem 18. März, die Wahllokale in der DDR schließen und die erste Prognose von Hochrechnungen abgelöst wird, ist die Sensation längst perfekt: Bei der ersten und einzigen freien Volkskammerwahl in der Geschichte der DDR votieren 48 Prozent der Wähler für die „Allianz für Deutschland“, bestehend aus der Ost-CDU, dem Demokratischen Aufbruch (DA) und der Deutschen Sozialen Union (DSU). Die Parteien und Bündnisse der Bürgerbewegung vereinen lediglich rund 27 Prozent auf sich. Davon entfallen knapp 22 auf die Ost-SPD, die sich des Sieges in den Wochen zuvor allzu gewiss glaubte. Die Liberalen erhalten fünf Prozent, immerhin jeder sechste Wähler stimmt für die PDS, die aus der SED hervorgegangen ist. Zu den wahlentscheidenden Fragen zählte die Haltung der Parteien zur Deutschen Einheit. Zwar hatten sich auch die SPD und die Wahlbündnisse der Bürgerbewegung für die Wiedervereinigung ausgesprochen. Doch es war die „Allianz für Deutschland“, die diesen Weg am direktesten zu gehen plante. Noch wichtiger war, dass die Allianz – anders als ihre Konkurrenten – auf die Unterstützung der Regierung Kohl verweisen konnte, von der sich viele Ostdeutsche rasche materielle Unterstützung versprachen. Am 12. April 1990 konstituiert sich unter Ministerpräsident Lothar de Maizière (CDU) die Regierung der großen Koalition aus den Parteien der Allianz, der SPD und den Liberalen. Mit den freien Volkskammerwahlen und einer demokratisch gewählten Regierung und Opposition hat die Friedliche Revolution obsiegt.

Angleichung

Angleichung Bild vergrößern Mit der Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion hält die D-Mark im Osten Einzug. (© dpa/ picture-allaince)

Die Regierung de Maizière steht vor unvergleichlichen Herausforderungen. Ihr Wählerauftrag lautet, den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik so schnell und verantwortungsvoll wie möglich zu vollziehen, die dafür notwendigen politischen Reformen voranzubringen, die ökonomische Situation und vor allem die Versorgungslage in der DDR zu stabilisieren und gemeinsam mit der Bundesrepublik die für die Vereinigung notwendigen bilateralen und internationalen Vertragswerke auszuhandeln. Ost-Berlin wie Bonn geraten unter Handlungsdruck: Jeden Tag packen zweitausend Ostdeutsche ihre Koffer und ziehen nach Westen. Dort sind die Aufnahmekapazitäten längst erschöpft, während im Osten die Lücken kaum mehr geschlossen werden können, die die 550.000 Übersiedler seit Sommer 1989 gerissen haben. Derweil skandieren die Menschen auf der Straße: „Kommt die D-Mark, bleiben wir, kommt sie nicht, gehn wir zu ihr!“. Am 1. Juli tritt die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion in Kraft, deren vertragliche Grundlage bereits am 18. Mai unterzeichnet worden war. Über Nacht hält mit der D-Mark auch die Marktwirtschaft zwischen Elbe und Oder offiziell Einzug. Der DDR-Staatsbesitz soll von der Treuhandanstalt privatisiert werden, deren Errichtung auf einen Beschluss der Regierung Modrow zurückgeht.

Solidarität

Solidarität Bild vergrößern Das Jahr 1990 steht im Zeichen gesamtdeutscher Unterstützung (© dpa/ picture-alliance)

Im Frühjahr 1990 sprechen sich 85 von 100 Ostdeutschen für die Wiedervereinigung aus, im Westen Deutschlands sind es im Januar 70 Prozent. Aus Ost wie West machen sich die Menschen auf, den anderen Teil Deutschlands zu erkunden. Die Neugier auf und die Freude über das Wiedersehen sind groß. Solidarität beschränkt sich nicht auf das Begrüßungsgeld von 100 DM, das den Ostdeutschen nach dem Mauerfall die Entdeckung des Westens erleichtert. Bundesländer und Kommunen, Parteien, Verbände und Vereine, viele Privatpersonen schließen Partnerschaften. Die Kirchen üben gesamtdeutsche Solidarität. Sie alle unterstützen die demokratische Umgestaltung und den wirtschaftlichen Neuanfang mit Geld, Personal und Sachkunde. Noch gibt es weder den Begriff des „Besser-Wessis“ noch den des „Jammer-Ossis“. Trotz mancher Warnung und Skepsis erwarten viele alsbald „blühende Landschaften“. Viele Ostdeutsche erfüllen sich lange gehegte Träume: Auf den Champs-Élysées und auf Mallorca ist plötzlich Sächsisch zu vernehmen. Der Gebrauchtwagenmarkt in Westdeutschland ist leer gefegt. In der Euphorie des Moments scheinen selbst Gurken, Senf oder Mehl aus Westdeutschland besser zu schmecken als einheimische Produkte. Ostalgie ist in dieser Zeit unvorstellbar.

2+4 = 1

2+4 = 1 Bild vergrößern Die einstigen Siegermächte des II. Weltkrieges stimmen der deutschen Wiedervereinigung zu (© Presse- und Informationsamt der Bundesregierung )

Zur Jahresmitte 1990 fehlt ein wesentlicher Schlussstein am Bau der Deutschen Einheit. Die braucht die Zustimmung der Siegermächte des II. Weltkrieges, die ihre Rechte und Verantwortlichkeiten in Bezug auf Deutschland als Ganzes nie völlig aufgegeben haben. Beide deutsche Staaten gehören nicht nur zwei gegensätzlichen Bündnissystemen an, auf ihrem Territorium sind auch nach wie vor Truppen der Alliierten in großer Zahl stationiert. Und schließlich gilt es, die Sicherheitsinteressen der Nachbarstaaten zu berücksichtigen. Um diese Probleme drehen sich seit Mai die 2+4-Verhandlungen der Außenminister der beiden Deutschlands, der USA, der Sowjetunion, Großbritanniens und Frankreichs. Am 21. Juni erklären die beiden deutschen Parlamente in einer gleich lautenden Entschließung die Unverletzlichkeit der polnischen Westgrenze. Die größte Hürde bildet die Frage der künftigen Bündniszugehörigkeit Deutschlands. Hier erzielt Helmut Kohl in persönlichen Verhandlungen mit Michail Gorbatschow den Durchbruch. Am 16. Juli verkünden die beiden Staatsmänner vor der Presse die Zustimmung der Sowjets zur NATO-Mitgliedschaft Deutschlands. Mit der Unterzeichnung des 2+4-Vertrages am 12. September erhält Deutschland seine staatliche Souveränität zurück. Der Weg zur Wiedervereinigung ist frei.

Beschlossen

Beschlossen Bild vergrößern Über Tausend Seiten umfasst der „Einigungsvertrag“, der binnen 56 Tagen zwischen Ost- und Westdeutschland ausgehandelt worden ist. (© dpa - Bildarchiv)

Über den Weg zur Deutschen Einheit wird seit Frühjahr 1990 heftig gestritten. Eine Minderheit will die Mütter und Väter des Grundgesetzes beim Wort nehmen, die im Artikel 146 vorgesehen hatten, dass das Grundgesetz „an dem Tage“ die Gültigkeit verlieren solle, „an dem eine Verfassung in Kraft tritt, die von dem deutschen Volke in freier Entscheidung beschlossen worden ist“. Am 23. August beschließt die Volkskammer indes mit überwältigender Mehrheit gemäß Artikel 23 des Grundgesetzes den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik am 3. Oktober 1990. Es ist die Entscheidung für eine Verfassung, die sich in vier Jahrzehnten bewährt hat und die der Westen nicht zur Disposition zu stellen gedenkt. Am 31. August folgt der in nur acht Wochen ausgehandelte Einigungsvertrag. Er regelt Änderungen im Grundgesetz, Fragen der Rechtsangleichung und der öffentlichen Verwaltung in Ostdeutschland, Fragen der Finanzen sowie der Bereiche Arbeit, Soziales, Frauen und Kultur. Strittige Punkte wie etwa die Festlegung der künftigen Bundeshauptstadt werden vertagt oder in Zusatzprotokollen geregelt; darunter auch der Zugang zu den Stasi-Unterlagen, den DDR-Bürgerrechtler im Sommer mit einem Hungerstreik erkämpfen.

Vereint

Vereint Bild vergrößern Mit einem Feuerwerk vor dem Reichstagsgebäude feiern die Deutschen am 3. Oktober 1990 die Wiedervereinigung. (© dpa/ Picture-Alliance)

3. Oktober 1990, um 0 Uhr: Zu den Klängen der Nationalhymne wird über dem Berliner Reichstag die Fahne des nunmehr geeinten Deutschland gehisst. Vier Tage vor ihrem 41. Jahrestag hört die DDR auf, als Staat zu existieren; die deutsche Teilung ist überwunden. Ein riesiges Feuerwerk erleuchtet die Straßen und Plätze rund um den Reichstag, auf denen eine Million Menschen feiern. Kaum ein Jahr ist vergangen, seitdem die Ostdeutschen die vierzigjährige Diktatur der SED zu Fall gebracht haben. Es waren die Friedliche Revolution und die Selbstdemokratisierung der DDR, die den Weg zur Deutschen Einheit ebneten und die Voraussetzung schufen, dass seit 1990 alle Menschen in Deutschland zum ersten Mal in der Geschichte in Frieden, Freiheit und Demokratie, in anerkannten Grenzen, in Freundschaft und gegenseitiger Achtung mit ihren Nachbarn leben. Der Umbruch in der DDR war Teil der Friedlichen Revolutionen in Ostmitteleuropa, die auch dort nicht allein die kommunistischen Diktaturen, sondern zugleich die Teilung Europas überwanden, die aus dem vom nationalsozialistischen Deutschland 1939 begonnenen Zweiten Weltkrieges resultierte. Und so ist das Jahr 1989 als das europäische Freiheitsjahr in die Geschichte eingegangen.

Mit freundlicher Genehmigung der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur; Die Texte stammen aus der Plakatausstellung "20 Jahre friedliche Revolution"